Dr. Friedrich Brandi

Pfarrer der Evangelischen-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, Circus- und Schaustellerpastor im Auftrag der Ev. Kirche in Deutschland

1.

Das Grundgesetz (GG) spielt unmittelbar weder in meinem Privat- noch meinen Berufsleben eine Rolle, dennoch gibt es natürlich einen gewissen Grundton vor, der mein Denken und Handeln prägt.

2.

Sehr wichtig ist für mich der Gottesbezug in der Präambel: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen…“ heißt es gleich zu Beginn des GGs. Allerdings fällt meine Begründung dafür anders aus, als man es von einem Pastor erwartet. Ich verstehe darunter keinen konfessionell definierten Gott (hielte das sogar für höchst problematisch und gefährlich), auch keine irgendwie geartete Gottperson, sondern „Gott“ steht hier für das Unverfügbare, das dem Menschsein und dem Menschengeschaffenen die Grenzen aufzeigt, die unverzichtbar zum Menschenleben gehören. Es geht also um die Verantwortung vor dem, was außerhalb der Verfügungsmacht des Menschen steht. Das muss zwangsläufig abstrakt bleiben und ist mit diesem Begriff m. E. auch gewährleistet. Der zu Recht gerühmte Gedanke des ehemaligen Verfassungsrichters Ernst-Wolfgang Böckenförde von 1967 bringt diesen allgemeinen Gottesbezug für mich am besten auf dem Punkt: „Der freiheitliche säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Diese Voraussetzungen sind in dem ersten Absatz der Präambel formuliert. Wenn auf diesen Satz oder auf den Inhalt dieses Satzes verzichtet wird, dann droht ein Staatswesen sich zu verabsolutieren, weil es noch nicht einmal eine sich selbst hinterfragende Instanz denkt, geschweige denn sich auf sie bezieht.

Gerade, weil Religion bei der jungen Generation eine eher untergeordnete Rolle spielt, halte ich diesen Gedanken in seiner allgemein-religiösen Auslegung für besonders wertvoll und bedenkenswert für junge Menschen.

3.

Dieser Gedanke gilt gleichermaßen für die aus der Weimarer Reichsverfassung übernommen Artikel, auf die in Art. 140 hingewiesen wird. Dabei ist mir der Artikel 139 der Weimarer Reichsverfassung wichtig: „Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.“ Auch diesen Satz kann und möchte ich nicht konfessionell verstehen (etwa in dem Sinne, dass so die Menschen in die Kirche gehen können), sondern weil ich denke, dass ein Gemeinwesen gemeinsame freie Tage braucht, um sich als Gesellschaft wahrzunehmen und nicht alles Tun der Menschen eines Gemeinwesens durch die Verwertungsspirale des kapitalistischen Arbeitsmarktes definiert wird. Niedrigschwellige Solidarität entsteht nämlich da, wo sich Menschen zweckfrei begegnen können. (Dazu gäbe es viel zu sagen, was diesen Rahmen aber sprengen würde.)

Im Kontext meiner Tätigkeit als Circus- und Schaustellerpastor werde ich immer wieder auf die Frage der Feiertagsregelung angesprochen, aber in der Regel können die Schausteller und Artisten dieser Argumentation gut folgen, weil sie wissen, wenn es diese geschätzten Tage nicht gäbe, würden keine Menschen zu ihren Veranstaltungen kommen.    

4.

Artikel 14,2 ist der kürzeste und vielleicht aussagekräftigste Gesetzestext, den der Gesetzgeber je hervorgebracht hat. „Eigentum verpflichtet.“ Denn Eigentum, so wichtiger dessen Schutz ist (vergleiche auch das 10. bzw. 9. und 10. Gebot der Bibel, „Du sollst nicht begehren…“), darf kein Selbstzweck sein, Immer muss der Blick auf den Schutz des Anderen, gerade auf den der Unterprivilegierten und Armen, gewährleistet bleiben.     

5.

Heutigen Jugendlichen müsste möglicherweise auch Art. 16a und dessen historische Bedeutung wieder erläutert werden. Er steht in engem Zusammenhang mit der Geschichte Deutschlands als ein Land, aus dem zwischen 1933und 1945 zahlreiche Menschen emigrieren mussten, weil der sich selbst verabsolutierende Staat der Nationalsozialisten Juden, Roma und Sinti, Homosexuelle und politisch Andersdenkende verfolgt hatte und diese um Asyl in anderen Ländern bitten mussten.

Deswegen ist der Artikel „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.“ gerade in der heutigen Weltgesellschaft von besonderer Wichtigkeit. Nicht weil damit vergangenes Unrecht wiedergutgemacht wird (das geht so und so nicht), sondern weil Deutschland in der Erinnerung an die eigene Geschichte damit Verantwortung in der und für die Weltgesellschaft übernimmt.

6.

Wenn unser immer noch aktuelles Grundgesetz infrage gestellt wird, ist höchste Alarmbereitschaft angesagt. 

Foto: © Krauß-Brandi

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