Dr. Karl Ulrich

am

Geschäftsführer Süddeutsche Zeitung GmbH

Welcher Artikel des Grundgesetzes spielt(e) in Ihrem beruflichen oder auch privaten Leben eine wichtige Rolle?

Dazu möchte ich den ersten und den letzten Artikel ansprechen:

Artikel 1

Das Sich Bekennen in Artikel 1 des GG ist mir selbst wichtig und erscheint mir in der ansonsten nicht mehr ganz so zeitlosen Sprache des Artikels 1 als bestmögliche Formulierung für das, was er ausdrückt.

Dieses Sich Bekennen „…zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, …“ strahlt auf alles ab, was wir tun, wie wir leben, was wir einander geben, wie wir zusammenleben.

Dieses Sich Bekennen steht damit zutiefst für unsere Menschlichkeit. – Jetzt nähere ich mich fast schon der Sprache des Parlamentarischen Rates, der zwischen September 1948 und Mai 1949 über das GG als vorläufige Verfassung verhandelt hatte.

Artikel 146

Obgleich es durch eine Verfassung ersetzt werden sollte und könnte, erweist sich unser GG als stabiles Element und Grundlage unserer Demokratie. Damit verweist es indirekt auf den Wert des Provisoriums, des Unfertigen – und entspricht so mancher Lebenserfahrung.

Inwiefern halten Sie das Grundgesetz angesichts der immer diverser werdenden Gesellschaft noch für aktuell?

Ob unsere Gesellschaft tatsächlich immer diverser wird, wage ich angesichts global dominierender Kommunikations- und Sozialtechniken und längst nicht mehr schleichender Pseudo-Individualisierung zu bezweifeln. Gleichwohl ist das GG aktueller denn je.

Artikel 3

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die Durchsetzung der Gleich-berechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“

Dieser Abschnitt des Gleichheits-Artikels erstaunt mich immer wieder – in zweierlei Hinsicht:

  • Zum einen gehörten dem Parlamentarischen Rat, der in seiner Spitze aus 177 Mitgliedern bestand, nur vier Frauen an. Und doch erarbeitete man in dieser geschlechterbezogen so ungleichen Runde eine glasklare Feststellung verbunden mit einer unmissverständlich definierten Aufgabe.
  • Diese Feststellung zu leben und diese Aufgabe einzulösen fällt zum anderen dem Staat wie auch uns, seinen Bürgern, die ihn ja bilden, bis heute erstaunlich schwer. Da sollte sich mal jemand darum kümmern … – Genau daran liegt es wohl.

Welchen Artikel legen Sie der jungen Generation besonders ans Herz?

Würde ich mich nie trauen. Was für bestimmte Generationen gelten soll, sollte auch ich beherzigen.

Artikel 14

„Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“

Eigentum ist zu achten und zu respektieren. – Steht interessanterweise nicht drin.

In Zeiten privater Vermögens-Tsunamis bzw. Erbschaftsvermögenswellen ist dies nur ein Zeichen für das, was wir insgesamt mit dem GG und unserem Bekenntnis dazu offensichtlich nicht hinbekommen: Der sozialen Ungleichheit in unserer Gesellschaft endlich wirksam zu begegnen. Bekenntnis allein reicht anscheinend nicht.

Meine Generation scheitert daran bisher grandios. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Foto: © SWMH

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