Prof. Martin Köttering

am

Präsident der Hochschule für bildende Künste

Zum Freiheitsbegriff von Kunst und Wissenschaft

Seit Beginn meiner Präsidentschaft an der Hamburger Hochschule für bildende Künste (HFBK) im Jahr 2002 beschäftigt mich beinahe täglich eine elementare Frage: Was macht die Kunst aus und welcher Freiheitsanspruch verbindet sich mit ihr und ihren Wissenschaften? Das Bundesverfassungsgericht versuchte sich 1984 im Kontext der damals verhandelten Causa Franz Josef Strauß gegen eine Brecht’sche Straßentheater-Protestaufführung an einer Definition (BVerfG 67, 213, 224). Demnach gibt es keinen fest umrissenen Begriff der Kunst, da es grundlegend für das Wesen der Kunst ist, bestehende Normen und Maßstäbe zu hinterfragen, ja die Grenzen ihrer selbst permanent zu erweitern und zu überschreiten. Mit diesem weiten Kunstbegriff bestätigt das Bundesverfassungsgericht nicht nur Artikel 5, Absatz 3 des Grundgesetzes, sondern festigt ihn: „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“ Für alle nachfolgenden Künstlergenerationen wie auch für die sie ausbildende Kunsthochschulen wurde dieser weitreichend definierte Schutz der Kunst und ihrer Freiheit zur zentralen Referenzgröße und somit auch für mich. Schließlich impliziert das Urteil auch, dass sich keine objektiven Maßstäbe finden lassen, um die Kunstfreiheit, respektive den Schutz dieser Freiheit einzuschränken.

Gegründet 1767 gilt die von mir geleitete HFBK Hamburg heute als eine der wegweisenden Institutionen in der zeitgenössischen Kunstausbildung. Ich bin mir sicher, dass wir diesen Status nur halten können, wenn wir uns immer wieder neu fragen, welchen Kunstbegriff wir verfolgen wollen und was künstlerische Freiheit in der Lehre und Praxis einer Kunsthochschule des 21. Jahrhundert und also für die künftigen Generationen heißen soll. Schnell würde man an der HFBK Übereinstimmung darüber finden: Wie immer die Künste sich positionieren, sie müssen stets eigensinnig und fern einem geläufigen Verständnis von Gegenwartsdeutungen bleiben. Sie haben sich mit dem zu befassen, was unsere Gegenwart an aktuellen Fragen aufwirft. Das künstlerische Tun ist nichts anderes als ein forschendes Erstaunen über die vermeintlichen Gegebenheiten der Welt, eine Unterbrechung des Gewohnten. Es fragt dort, wo sich die Dinge entfalten, nach der Genese von Regeln dieser Entfaltung selbst, um sie in immer neuen Experimenten hervorbringen und spielerisch erproben zu können. Und das heißt zugleich: sie umzustürzen und über sie hinauszugehen. Deshalb könnte man von einem tiefen anarchischen Zug sprechen, der allen Künsten eingelassen und unveräußerlich ist.

Entsprechend ist das innerste Prinzip einer Kunsthochschule wie der HFBK Hamburg – um ihrem Auftrag, Institution der Künste zu sein, zu genügen – die Auflösung von Grenzen, die nicht die einer künstlerischen Erfahrung wären. Von hier aus besteht der Raum, den diese Institution erzeugt, aus beständigen Verschiebungen und auch Krisen, die bei solchen Verschiebungen notwendig auftreten. Daraus resultiert eine Studienpraxis, in der den Kunststudierenden alle Wege, Ressourcen an Raum und Zeit, Lehrangebote und Möglichkeiten offenstehen, die an der Hochschule anzutreffen sind. Von einem reglementierten Curriculum ist dies denkbar weit entfernt wie auch generell die institutionellen Reglements für ein Studium auf ein Minimum reduziert sind, um eben diskontinuierliche und unwägbare Entwicklungen der künstlerischen Praxis zu begünstigen. Für Lehrende und Studierende heißt das, sich immer wieder auf das Neu- und Andersdenken einzulassen und einen stetigen Prozess der künstlerischen wie theoretischen Auseinandersetzung in Gang zu halten. Für mich in der Hochschulleitung bedeutet das, einen bedingungslosen Ort herbeizuführen, der weitestgehend von einschränkenden Maßgaben frei gehalten wird.

Die in Artikel 5, Absatz 3 festgeschriebene Kunstfreiheit bildet somit die Handlungsmaxime für mein alltägliches Tun, um in der Hochschule ein solch energiegeladenes Klima zu schaffen, an dem sich eine experimentelle künstlerische Forschung immer wieder neu entzünden kann. Nur so kann die HFBK Hamburg eine kritische, unabhängige, widerständige und Wissen generierende Institution für die Kunst und damit für die Zukunft unserer Gesellschaft sein. Oder wie es der Künstler und HFBK-Absolvent Jonathan Meese in seinem Manifest formuliert hat: „Nur die Freiheit der Kunst ist Zukunft.“ (Jonathan Meese, Manifest zum 250. Jubiläum der HFBK Hamburg, 13.7.2017)

Foto: © Romanus Fuhrmann

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