Patricia Schlesinger

am

Intendantin des Rundfunks Berlin-Brandenburg

Welcher Artikel spielt(e) in Ihrem beruflichen oder auch privaten Leben eine wichtige Rolle? (auch Mehrfachnennung möglich)

In meinem beruflichen Leben ist der Artikel 5 des Grundgesetzes ungemein wichtig. Ohne ihn könnten wir in diesem Land nicht sein, was wir sein wollen: Journalisten. Er schenkt uns die Sicherheit, die wir brauchen, um zu berichten und zu beschreiben, zu analysieren und zu kommentieren. Er garantiert uns die Freiheit zu sagen, was ist. Schlank und unzweideutig sind die beiden Sätze, auf die es ankommt: Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

Für Jüngere ist das selbstverständlich. Sie sind damit aufgewachsen, sie sind daran gewöhnt. Zensur findet woanders statt, auch wenn die Länder, die Demokratie durch Autokratie ersetzen, näher rücken.

Pressefreiheit ist nicht alles, aber ohne Pressefreiheit ist vieles nichts. Zumeist stirbt erst die Pressefreiheit und dann die Freiheit. Da die Hitler-Diktatur mit ihren Verbrechen und ihrem Krieg nur wenige Jahre zurückgelegen hatte, fassten die Mitglieder des Parlamentarischen Rates, der am 23. Mai 1949 das Grundgesetz verabschiedete, den fünften Artikel präzise und unmissverständlich. 70 Jahre ist das bald her und kein bisschen angestaubt.

Inwiefern halten Sie das Grundgesetz angesichts der immer diverser werdenden Gesellschaft noch für aktuell?

Unsere Gesellschaft ist bunter geworden. Die Technik revolutioniert das Zusammenleben. Die Lebensstile haben sich im Vergleich zum – sagen wir: Jahr 2000 gehörig verändert. Was früher eindeutig als Klassenzugehörigkeit ausgemacht werden konnte, die Art sich zu kleiden und zu wohnen und Umgang zu pflegen, lässt sich nicht mehr so leicht ausmachen. Reichtum unterscheidet heute die Menschen. Die Kluft zwischen Oben und unten hat sich vertieft.

Volksparteien schrumpfen und ehedem kleine Parteien wie die Grünen verdoppeln ihre Wahlergebnisse und werden zur Macht. Neue Parteien entstehen auf der rechten Seite des Spektrums und nutzen Kommunikation im Netz zu ihrem Vorteil. Cyber-Kriminalität wird zur Waffe, Hacker nehmen Einfluss auf Wahlen.

Die Welt von 2019 ist in keiner Weise mit dem Jahr 1949 zu vergleichen, als das Grundgesetz verabschiedet wurde. Deutschland hat allmählich Souveränität auf die Europäische Union übertragen. Internationales Recht kann das nationale überwölben.

Anders verhält es sich mit den ersten Artikeln im Grundgesetz, in denen die Grundrechte stehen, die für einen jeden von uns unverrückbar sein sollten: der Schutz der Menschenwürde genauso wie Religionsfreiheit oder das Recht auf freie Meinungsäußerung und Versammlung, ohne dass die Schüler freitags nicht für mehr Klimaschutz demonstrieren könnten. Wir haben sogar das Grundrecht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, wozu wie selbstverständlich kostenlose Schul- und Universitätsbildung gehören.

Diese Kombination findet sich nur in wenigen anderen Ländern. Wir sollten uns gelegentlich daran erinnern, dass wir Rechte und Freiheiten besitzen, um die uns andere beneiden.

Welchen Artikel legen Sie der jungen Generation besonders an Herz?

In meinem Leben, privat wie beruflich, habe ich mich immer ebenbürtig gefühlt. Gleichberechtigt. Ich habe Glück gehabt, denn nichts davon versteht sich von selbst; nichts fällt uns zu.

Als die Gleichberechtigung in den Artikel 3 hinein geschrieben wurde, war das fast kühn, eigentlich revolutionär. Ironischerweise waren es fast ausschließlich Männer, die ihn sich ausgedacht hatten. Lange schlummerte er im Grundgesetz, ein Versprechen unter vielen, das nicht ernst genommen wurde. Viel später erst fingen Frauen damit an, das Recht auf Gleichberechtigung einzuklagen. Die Männer waren nicht amüsiert. So hatten sie es sich nicht gedacht. Auch deshalb ist der Artikel 3 so wichtig und ihn möchte ich jungen Frauen besonders ans Herz legen.

In der Gründerzeit der Bundesrepublik waren die Verhältnisse alles andere als fortschrittlich. Frauen mussten ihre Männer fragen, ob sie arbeiten gehen dürfen. Zuerst kamen die Männer und dann erst die Frauen. Diese Verhältnisse haben sich gewaltig verändert und das ist nur gut so. Dazu trug Bildung erheblich bei, in der Schule und an der Universität. Längst machen Frauen den Männern Konkurrenz auf allen Ebenen. Inzwischen drehen sich die Kämpfe um den Zugang zu höchstem Jobs und Ämtern und dazu um Gleichheit bei Gehaltsverhandlungen; aus Geschlechterkämpfen sind Machtkämpfe geworden. Nichts wird Frauen geschenkt, aber wer sich erkämpft, was ihm zusteht, hat mehr davon.

Im rbb sind wir schon ganz gut vorangekommen. Im Führungskreis haben wir einen Anteil an Frauen von 49 Prozent. Es ist nur eine Frage kurzer Zeit, bis die Hälfte erreicht sein wird. Wir sind da weiter als viele Konzerne, in deren Vorständen und Aufsichtsräten Frauen sich nur zu oft unter der Vielzahl der Männer verlieren. Auch in der Politik tummeln sich erstaunlich wenige Frauen im Parlament oder in Landesregierungen.

Mehr wäre besser, das glaube ich fest: für die Männer und für das Land. Der Kampf um Gleichberechtigung geht weiter und wir sollten ihn mit Elan führen.

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