Oliver Petersen

am

Lehrer des Buddhismus am Tibetischen Zentrum e.V. Hamburg, Leiter des Zentrums für Meditationsseminare und Studienkurse

Als ich 1961 in Hamburg geboren wurde, war das Grundgesetz zwölf Jahre alt. Ich habe also mein gesamtes Leben unter dem Schutz dieser Verfassung verbracht und sie erscheint mir wie eine selbstverständliche Bedingung meines Lebens. Wenn ich aber bedenke, dass noch kurz vor meiner Geburt in Deutschland eine Diktatur herrschte, die die Menschenrechte mit Füssen getreten und sich barbarischer Verbrechen schuldig gemacht hat, werde ich mir bewusst, wie günstig und selten dieser Umstand ist. Es erscheint mir dann auch besonders wichtig und notwendig für den Erhalt unserer freiheitlich-demokratische Grundordnung einzutreten. Das gilt insbesondere in einer Welt in der sich heute erneut der Nationalismus, der Rassismus und autokratische Systeme auszubreiten scheinen.

Für mein Selbstverständnis als Staatsbürger und Buddhist spielt insbesondere der erste Artikel der Grundrechte eine große Rolle. Er beginnt mit der Zeile „(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. (2) Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“

Ich bin den sogenannten Müttern und Vätern des Grundgesetzes sehr dankbar, dass sie so kurz nach dem Krieg die Vision hatten, das Leben der Deutschen auf die Grundlage dieser tiefgründigen und menschenfreundlichen Werte zu stellen. Diese Vision ihrerseits beruht natürlich auf kulturellen Traditionen des Christentums, der Antike und des Humanismus, die über Jahrtausende von hervorragenden Menschen mit Einsicht in das Wesen des Menschen und mit dem Wunsch Menschen zu einem glücklichen und menschenwürdigen Leben zu verhelfen entwickelt wurden.

Auch der Buddhismus teilt diese Werte. In meinem persönlichen Leben als buddhistischer Lehrer am Tibetischen Zentrum versuche ich genau diese Ausrichtung zu vermitteln. Es ist dabei nicht entscheidend, ob man Buddhist oder auch nur religiös ist. Es geht mir dabei um eine menschliche Einstellung, die der Schlüssel zu dem ersehnten Glück der Menschen aller Kulturen, Ethnien und Religionen ist. Erfreulicherweise meinen wir in allen Kulturen und Religionen mit dem Begriff der „Menschlichkeit“ etwas Positives – wie etwa die Fähigkeit zum Mitgefühl und zur Vernunft – und nicht etwas Negatives, wie den Egoismus und die Verblendung. So sagen z.B. tibetische Mütter zu ihren Kindern, wenn diese sich streiten: „Du bist doch ein Mensch. Dann verhalte Dich auch so!“

Ganz am Anfang der schrittweisen Geistesschulung im Buddhismus wird man angehalten, sich bewusst zu werden, was es heißt, ein Mensch zu sein und wie kostbar und selten dieser Umstand ist. Der Mensch ist nach der buddhistischen Kosmologie eine von vielen Daseinsformen im Universum. Eine Geburt als Mensch gilt als besonders günstige Grundlage für die spirituelle Weiterentwicklung. Das Menschsein zeichnet sich dadurch aus, dass es eine Mischung aus Glück und Leiden darstellt. Dadurch dass wir nicht immer in Not sind, haben wir eine gewisse Muße, um uns weiterzuentwickeln. Da wir auch Leiden erleben, sehen wir auch die Notwendigkeit zu einer solchen Entwicklung. Der Mensch unterscheidet sich von den anderen uns bekannten Daseinsformen aus buddhistischer Sicht vor allem durch seine hohe Empathiefähigkeit, die zu Liebe werden und seine hohe Intelligenz, mit der er Weisheit erlangen kann. Auch die Wissenschaft ergründet zunehmend, dass der Erfolg des Menschen auf der Erde neben seiner hohen Erkenntnisfähigkeit vor allem von seinem großen Einfühlungsvermögen in andere Menschen abhängt. Schon kleine Kinder sind in der Hinsicht ausgewachsenen Affen weit überlegen. Menschen sind nicht vollkommen von Instinkten festgelegt und besitzen gerade deshalb eine große Offenheit, Freiheit und Lernfähigkeit.

Auch nach Ansicht westlicher Denker wie etwa Pico della Mirandola beruht die Würde des Menschen darauf, dass er keine festgelegte Natur hat. Er hat damit die Freiheit sein Wesen selbst zu schaffen. Der Mensch kann danach alle Gaben, die er sich wünscht, nach eigenem Willen und Entschluss erhalten und besitzen. Die fest umrissene Natur der übrigen Wesen entfaltet sich dagegen nur innerhalb der vorgegebenen Gesetze der Natur. Nach der europäischen Aufklärung verbindet sich mit der menschlichen Würde ein Gestaltungsauftrag, der durch das Individuum und die Gesellschaft zu verwirklichen ist. Friedrich Schiller sagt dazu: „Beherrschung der Triebe durch die moralische Kraft ist Geistesfreiheit, und Würde heißt ihr Ausdruck in der Erscheinung.“ Der Mensch ist nach dem Philosophen der Aufklärung Immanuel Kant ein Wert an sich und dieser Wert kann also nicht durch andere Zwecke aufgehoben werden. Menschen haben stattdessen einen inneren Wert, die Würde die auf der Fähigkeit praktisch-vernünftiger Wesen beruht, Handeln autonom als moralisch gut oder böse zu bewerten. Die Würde kommt damit dem Menschen als solchen und nicht aufgrund irgendwelcher zeitweiliger Eigenschaften zu. Es folgt daraus die Moralität, Menschen niemals nur als Mittel zu einem relativen Zweck zu behandeln.

Diese angeborene Freiheit kann man natürlich auch missbrauchen, aber wir würden wohl alle sagen, dass es der Sinn des Menschenlebens ist sich in eine positive Richtung zu entwickeln und entsprechend dieser angeborenen Würde würdevoll zu leben. Die Tatsache, dass wir diese Fähigkeiten haben, beruht aus buddhistischer Sicht nach dem Gesetz von Handlungen und ihren Wirkungen (Karma) bereits auf guten Taten aus früheren Leben, die diese Qualitäten als Potential verursacht haben. Das Menschenleben ist danach eine Folge ethischen Verhaltens. Innerhalb des buddhistischen Meditationspfades macht man sich immer wieder klar, dass es nicht selbstverständlich ist, ein Mensch mit solchen Möglichkeiten zu sein. Selbst unter den Menschen leben ja viele in Unfreiheit, Krankheit oder dem Einfluss von Ideologien, die sie von spiritueller Entwicklung abhalten. Wenn man in einer solch günstigen Gelegenheit ist, ein Mensch mit allen persönlichen und gesellschaftlichen Freiheiten zu sein sollte man die kostbare Zeit unseres Lebens auf keinen Fall nur mit banalen Dingen und Ablenkungen verbringen oder gar Schaden zufügen. Das wäre so, als wenn man eine kostbare Vase besäße und nur Kot darein füllen oder als ob man auf eine Insel voller Juwelen kommen würde und diese Insel verlässt, ohne auch nur ein Juwel mitgenommen zu haben. Der tiefere Sinn des Menschenlebens ist danach nicht der ökonomische Erfolg im Wettbewerb mit anderen oder Macht oder körperliche Stärke. Der Gehalt des Lebens besteht in der Weiterentwicklung spezifisch menschlicher Qualitäten, wie Liebe, Mitgefühl, Geduld, Zufriedenheit und Achtsamkeit. Dazu kommt die Weisheit, die erkennt was heilsam und unheilsam ist und wie die letztliche Natur der Phänomene beschaffen ist. Mit Liebe und Weisheit ausgestattet, kann man mit anderen und im Umgang mit sich selbst echtes Glück erlangen. Die Ausübung echter Menschlichkeit ist aber sogar grundlegender als eine Religionspraxis.

Innerhalb des buddhistischen Pfades ist man nur dann ein Buddhist, wenn man sich menschlich verhält wie es etwa in den Artikeln der Grundrechte des Grundgesetzes zu Ausdruck kommt. Dabei sollte man einerseits Wert darauflegen, das Recht auf ein solches menschenwürdiges mit Grundrechten ausgestattetes Leben führen zu können. Andererseits ist aber zu ergänzen, dass man auch die Pflicht hat sich für die Grundrechte anderer einzusetzen, die genau wie man selber nach Glück und Leidfreiheit streben und menschliche Würde besitzen. Der Dalai Lama tritt sogar für die Verbreitung einer „säkularen Ethik der Menschlichkeit“ über alle Grenzen der Kulturen und Weltanschauungen hinweg ein, die jedermann allein aus vernünftiger Einsicht in das Wesen des Menschen annehmen kann, ohne dabei an religiöse Themen wie ein Leben nach dem Tod oder die Möglichkeit der Erlösung von allen Leiden glauben zu müssen. In einer globalisierten Welt mit gewaltigen technischen Möglichkeiten ist es nach seinen Worten sogar eine Frage des Überlebens der Menschheit, dass sich eine Weltkultur des Mitgefühls und des Dialoges auf der Grundlage der Achtung der Würde aller Menschen etabliert. Wir sind heute in einer Weise voneinander abhängig, dass die einzig rationale Ausrichtung der menschlichen Kultur die der wechselseitigen Unterstützung sein kann, wie sie etwa in einer Familie stattfindet. In einer solchen vernetzten, multikulturellen Welt die hochgerüstet ist ist also die Verbreitung der Menschenrechte, wie sie in dem ersten Artikel des Grundgesetzes der Bundesrepublik aber auch in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948 erläutert werden von äußerster Aktualität und Notwendigkeit. Die Menschenrechte die in Artikel 1 von der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen ausgeht müssen in aller Welt zur Anwendung kommen, wenn die Menschheit eine menschenwürdige Zukunft haben möchte. Sie sind tatsächlich wie es unter (2) im ersten Artikel des Grundgesetzes heißt die Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt. Wir müssen heutzutage wohl noch ergänzen, dass auch der Umweltschutz nur auf der Basis dieser Grundrechte und der Pflicht der Menschen die Menschenrechte anderer zu achten durchsetzbar sein wird. Die große Bedeutung des Klimaschutzes zum Überleben der Menschheit war den Schöpfern des Grundgesetzes und ihren Vorgängern noch nicht so deutlich wie sie heute hervortritt. Entsprechend wäre es sinnvoll das Grundgesetz und die Erklärung der Menschenrechte nicht nur durch Menschenpflichten zu ergänzen, sondern auch durch eine besondere Verpflichtung zum nachhaltigen Umgang mit der natürlichen Umwelt. Implizit ist dieses Verhalten aber in dem Geist dieser Erklärungen bereits angelegt, da es auch bei dem Klimaschutz um den Erhalt der Würde und die Leidfreiheit der Menschen geht.

Eine weitere Ergänzung wäre in einer stärkeren Betonung der Tierrechte wünschenswert. Die Tiere verfügen zwar nicht in gleichem Masse wie die Menschen über eine besondere Würde, da sie nicht über die gleichen Freiheiten und über die hohe Vernunft des Menschen verfügen, aber da sie leidensfähige Wesen sind, sollte man auch ihnen unbedingt Würde zugestehen. Derzeitig wird durch das Quälen der Tiere in der industriellen Nahrungsmittelproduktion diese Würde der Tiere als fühlende Wesen mit Füssen getreten. In den asiatischen Religionen dagegen werden die Tiere selbstverständlich als geist- und damit empfindungsbegabte Wesen angesehen. Die Tötung und das Quälen von Tieren gilt danach als unheilsame Tat, die etwa ein praktizierender Buddhist vermeiden sollte.

Ich hoffe sehr, dass die junge Generation das Bekenntnis zu den unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage ihrer eigenen Zukunft deutlich erkennen wird, so wie sie zunehmend die Bedeutung des Umweltschutzes erkennt und dafür einsteht. Der Dalai Lama hat sich sogar direkt an die Jugendlichen der Welt gewandt und einen Appell an sie gerichtet, der als Buch mit dem Titel „Werdet Rebellen des Friedens“ erschienen ist. Er weist darauf hin, dass die gegenwärtigen Probleme auf der Welt im Bereich der kriegerischen Handlungen, der Ungerechtigkeit und der Umweltverschmutzung durch eine falsche Geisteshaltung des Egoismus, des Hasses und der Gier früherer Generationen entstanden sind. Er setzt darauf, dass die jungen Leute nunmehr eine neue Haltung in ihr persönliches Leben und in die Weltpolitik bringen werden, die auf der Achtung der Menschenrechte und dem Mitgefühl mit allen Lebewesen basiert. Nach buddhistischer Tradition würde das die Vermeidung der Schädigung anderer Wesen mit dem Körper, der Rede und dem Geist beinhalten. So gibt es die 10 Unheilsamen Handlungen, die ein Buddhist vermeiden sollte. Das umfasst das Töten, Stehlen und das sexuelle Fehlverhalten mit dem Körper, die Lüge, die grobe Rede, das Zwietracht säen und das sinnlose Reden mit der Sprache und die Böswilligkeit, die Habgier und die falschen ideologischen Ansichten mit dem Geist. Ähnliche moralische Regeln gibt es ja auch in anderen Religionen. Sie sind die Grundlage für das Zusammenleben der Menschen aller Kulturen.

Die letztliche Wurzel des schädigenden Verhaltens liegt letztlich in der geistigen Einstellung. Es wäre zu wünschen, dass die junge Generation neben der Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Fakten im Erziehungssystem auch mit Praktiken der emotionalen und moralischen Entwicklung vertraut gemacht wird. Je früher junge Menschen lernen mit sich selber und anderen gut und liebevoll umzugehen, umso mehr wird ihre Fähigkeit anwachsen nicht nur anderen nicht zu schaden, sondern zum Wohle anderer Menschen in ihrer persönlichen Umgebung und sogar der ganzen Menschheit beizutragen. Auf der Grundlage der Anwendung solcher Kulturtechniken wie etwa der Meditation wird es möglich sein das Grundgesetz gegen alle Feinde der freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu schützen und die ihm zugrundeliegenden Werte friedlich durch das eigene persönliche und nationale Vorbild über die ganze Welt auszubreiten, damit Freiheit, Frieden, Gerechtigkeit und der Schutz der Umwelt sich entfalten können.

Foto: © Sebastian Schmidt

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