David Stoop

am

Landessprecher DIE LINKE Hamburg

Zombies vor der Tür und ein Vampir im Wohnzimmer – Warum wir das Grundgesetz mit dem Pflock in der Hand verteidigen sollten

Fans von Twilight oder The Walking Dead kennen sich mit Vampiren und Zombies aus. Sie wissen, dass beide uns Menschen nicht nur mit dem Tode, sondern in unserem Menschsein selbst bedrohen. Werden wir gebissen, werden wir selbst zu Zombies oder Vampiren. Es gibt allerdings einen Unterschied zwischen den beiden Monstern: Zombies sind leicht als Bedrohung zu erkennen, sie stinken, geifern und sehen allgemein unappetitlich aus. Vampire hingegen tarnen sich als Menschen. Sie führen uns in eleganter Abendgarderobe zum Tanz aus, um uns dann in der Nacht in den Hals zu beißen. Ihr Biss jedoch gefährdet unsere Menschlichkeit genauso wie der Biss eines Zombies. Wir müssen also vor beiden in Acht nehmen, denn unsere Menschlichkeit, so verletzlich sie auch sein mag, ist ein hohes Gut, vielleicht sogar das einzige, das wir haben.

Die Menschlichkeit nimmt auch im Grundgesetz eine wichtige Stellung ein. Gleich im ersten Artikel wird uns das Versprechen gegeben: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Wir brauchen uns keine Sorgen machen, wir haben eine Beschützerin, die „staatliche Gewalt“ die uns gegen die stinkenden Zombies dort draußen verteidigt. Und wie es sich gehört, ist unsere Beschützerin gut gekleidet und weiß sich vornehm zu benehmen. Doch was ist die Würde des Menschen? Und wovor muss sie geschützt werden?

Eines jedenfalls ist beruhigend: Die Würde des Menschen kommt allen Menschen zu, egal ob wir uns im Beisein unserer schicken Beschützerin rülpsend auf dem Sofa fläzen oder besoffen auf den Teppich kotzen. Menschen verhalten sich ja keineswegs immer würdevoll. Sie erniedrigen sich gegenseitig auf schlimmste Weise und setzen sich durch ihr Verhalten oft selbst herab. Und doch haben wir als Menschen alle eine Würde.

Die Universalität und Bedingungslosigkeit der Menschenwürde wird heute von rechten Hetzern in- und außerhalb der AfD in Frage gestellt. Sie sind in dieser Hinsicht (und nur in dieser Hinsicht, denn sie sind weiterhin Menschen, denen eine Würde zukommt) wie die geifernden Zombies, die mit ihren fauligen Zähnen Stücke aus unserem Leib reißen wollen. Geht es nach ihnen, soll die Menschenwürde nicht allen Menschen zukommen. Sie machen gerne Ausnahmen: Alle Nicht-Deutschen, Schwule u. Lesben, Linke und alle, die angeblich nicht zu den „Leistungsträgern der Gesellschaft“ gehören, sollen ihnen zufolge nicht in Würde leben dürfen. Die Rechten wollen den Leib der Menschheit im wahrsten Sinne des Wortes zerteilen.

Menschlichkeit und Solidarität jedoch sind unteilbar. Sie gelten für alle, oder sie gelten nichts. Wir Linken gehören deshalb zu den entschiedensten Verteidigern der menschlichen Würde. Schließlich hat schon Marx gefordert, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“

Wollen wir die Menschenwürde verteidigen, müssen wir uns allerdings nicht nur der rechten Zombies erwehren, sondern stets auf der Hut sein und fragen: wo und von wem wird der Mensch erniedrigt, geknechtet und verächtlich gemacht? Der Blick auf die Realität in Deutschland und in der Welt offenbart, dass viele Menschen Situationen ausgesetzt sind, in denen ihre Würde herabgesetzt wird. Sie werden als Geflüchtete von ihren Familien getrennt und in Länder deportiert, in denen ihr Leben in Gefahr ist. Sie werden als Leiharbeiter in absoluter finanzieller Unsicherheit gehalten, oder als Hartz-IV Empfänger*innen mit Sanktionen bedroht. Rücksichtslose Immobilienkonzerne setzen ganze Familien auf die Straße, weil sie die steigenden Mieten nicht zahlen können, mit denen die Konzerne ihre Profite machen. In anderen Ländern werden Menschen mit Waffen aus deutscher Produktion hingemetzelt, weil selbst islamistische Diktaturen wie Saudi-Arabien von Deutschland mit Kriegsmaterial beliefert werden.

Wenn wir unsere elegante Beschützerin, die staatliche Gewalt, fragen, ob sie uns nicht auch gegen diese Angriffe auf unsere Würde verteidigen möchte, antwortet diese nur mit einem Lächeln und den Worten: „Wieso? Ist doch alles legal“. Und tatsächlich: Das Problem vor dem wir stehen ist, dass all dies der geltenden Rechtsprechung zufolge mit der Würde des Menschen vereinbar ist. Was aber ist die Würde des Menschen wert, wenn mit ihr vereinbar ist, dass er auf der Straße erfriert, auf der Arbeit gedemütigt, in Armut gestürzt oder in Kriegsgebieten von deutschen Waffen zerfetzt wird?

Langsam dämmert uns, dass wir in unserem Wohnzimmer vielleicht doch nicht so sicher sind, wie wir dachten. Unsere Beschützerin verhält sich schizophren. Das Grundgesetz ist an vielen Stellen uneindeutig und widersprüchlich. Es gerät mit sich selbst in Konflikt. Beispielsweise in der Frage, ob Immobilienkonzerne Familien auf die Straße setzen dürfen, die ihre Miete nicht zahlen können. Das Recht auf Eigentum (Artikel 14) gerät in Konflikt mit der Menschenwürde. Zwar gilt nach Artikel 14.2 auch der Grundsatz, dass Eigentum verpflichtet und sein Gebrauch zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen soll, dieser Paragraph kommt allerdings kaum zur praktischen Anwendung. In Italien hat ein Gericht vor Kurzem entschieden, dass ein Hungernder nicht bestraft werden kann, wenn er in einem Supermarkt Lebensmittel stiehlt. In Deutschland kommen Menschen ins Gefängnis, weil sie Lebensmittel, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist, aus den Mülltonnen von Supermärkten genommen haben.

Wir sind deshalb gut beraten, der staatlichen Gewalt und dem Grundgesetz den Spiegel ihrer Realität vorzuhalten. Vampire fürchten den Blick in den Spiegel, weil er ihre unmenschliche Seite offenbart: Sie haben kein Spiegelbild. Vielleicht deshalb, weil sie den Anblick ihrer eigenen Realität nicht ertragen. Zombies vor der Tür und ein Vampir im Wohnzimmer, was sollen wir angesichts dieser doppelten Gefahr tun? Wir müssen das Grundgesetz gegen die rechten Zombies verteidigen, die die Würde des Menschen negieren und sie durch den Stolz der Deutschen ersetzen wollen. Wir sollten aber auch dem Vampir im Wohnzimmer mit gesundem Misstrauen begegnen. Wer Vampirgeschichten kennt weiß: Es ist gefährlich, einen Vampir zu lieben und wir müssen seine unmenschliche Seite bekämpfen. Wenn wir das Grundgesetz lesen, sollten wir dies mit einem Spiegel in Hand tun, um es mit seiner Realität zu konfrontieren. Dann können wir die Menschenwürde vielleicht als einen Pflock benutzen, um sie gegen die elende Realität des globalen Kapitalismus zu wenden, die beständig jene Zombiehorden produziert, welche an unserer Türe kratzen.

Foto: © David Stoop

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