Dr. Franz-Josef Overbeck

am

Militärbischof für die Deutsche Bundeswehr, Bischof von Essen

Welcher Artikel des Grundgesetzes spielt in Ihrem beruflichen oder auch privaten Leben eine wichtige Rolle?

In Artikel 1 ist der unantastbare Wert eines jeden Individuums fest im Grundgesetz verankert. Damit haben wir ein verbindliches Kriterium, das dem individuellen und öffentlichen Handeln Orientierung und Maßstab sein muss. Auf diesem Verständnis von Autonomie und Menschenwürde gründet das in Artikel 4 garantierte Grundrecht auf Religions-, Glaubens- und Gewissensfreiheit. Das ist für mich von entscheidender Bedeutung, beruflich und privat. In diesem Zusammenhang sind mir deshalb insbesondere die Artikel wichtig, die dieses Grundrecht spezifizieren und das Verhältnis von Kirche und Staat freiheitlich regeln. Der Grundsatz, dass Staat und Kirche getrennt sind, ist nicht als beziehungsloses Nebeneinander zu verstehen. Darum sind spezifische gesetzliche Regelungen von Bedeutung, die das unterschiedliche Zusammenwirken beider Institutionen im Sinne des Gemeinwohls bestimmen. Das Selbstverwaltungsrecht der Kirchen – gemäß Artikel 140 – bleibt für uns als Dienst- und Arbeitgeber bedeutsam, wenngleich es im Hinblick auf seine konkrete Ausgestaltung auch der arbeitsgerichtlichen Prüfung unterliegt. Hier zeichnen sich Veränderungen ab.

Weiter möchte ich betonen, dass unabhängig von der Aussetzung der Wehrpflicht das Recht bestehen bleibt, den Kriegsdienst mit der Waffe aus Gewissensgründen gemäß Artikel 4 Absatz 3 zu verweigern. Seit ich katholischer Militärbischof bin, ist mir noch einmal deutlicher geworden, wie wichtig die verfassungsrechtliche Stellung des Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages gemäß Artikel 45b ist. In seiner Funktion als Hilfsorgan bei der Ausübung der parlamentarischen Kontrolle über die deutschen Streitkräfte und als spezialgesetzliche Petitionsinstanz für die Soldatinnen und Soldaten ist das Amt des Wehrbeauftragten nicht mehr wegzudenken.

Inwieweit halten Sie das Grundgesetz angesichts der immer diverser werdenden Gesellschaft für aktuell?

Ein Blick in die Verfassung zeigt deutlich: Die Grundrechtsartikel 1 bis 19 bilden das Fundament für die freiheitliche und plurale Gesellschaft, in der wir heute leben. Stimmen in der Gesellschaft, die manchmal ganz offen die Bedeutung einzelner Grundrechte relativieren, stellen damit unsere gemeinsame Lebensgrundlage infrage. Diesen Zusammenhang gilt es sichtbar zu machen. Wenn unveräußerliche Grundrechte in ihrem Wesensgehalt angetastet werden, betrifft das alle Menschen. Mein Eintreten für eine freie und plurale Gesellschaft ist deshalb kein Plädoyer für Beliebigkeit, denn alle gesellschaftlichen Veränderungsimpulse müssen sich daran messen lassen, ob ihre Auswirkungen verfassungskonform sind. Um gesellschaftliche Prozesse verantwortet begleiten zu können, müssen wir uns als Kirche auf erfahrungswissenschaftliche Debatten einlassen und auch damit rechnen, dass sich unser Selbstverständnis verändert. Wenn wir die Bereitschaft dazu aufbringen, bin ich zuversichtlich, dass themenbezogen eine gut begründete christliche Perspektive, die dem Menschen gerecht wird, auch zukünftig in Politik und Gesellschaft auf Resonanz stößt.

Welchen Artikel legen Sie der jungen Generation besonders ans Herz?

Artikel 1 beginnt mit den Worten: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Dieser Satz ist zentral und hat zugleich Aufforderungscharakter, denn der Begriff der Würde will inhaltlich bestimmt sein. Daran mitzuwirken und ihn gleichzeitig gegen Infragestellungen zu schützen, ist eine Herausforderung, der sich alle Generationen stellen müssen. Theologisch kann er als säkulares Surrogat des Gedankens der Gottesebenbildlichkeit des Menschen gedeutet werden. Im Begriff von der Person kommt zum Ausdruck, dass dem Menschen nach dem Schöpfungswillen Gottes diese Würde um seiner selbst willen und bedingungslos zukommt. Damit ist kein Mensch hinsichtlich seiner Eigenschaften und seines Verhaltens festgelegt oder kategorisiert. Sie liefert aber die Grundlage für ein menschengerechtes Leben.

Foto: © KS/Doreen Bierdel

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